Kolja Güldenberg – Freiheit und Verbindlichkeit

oder: Sind wir (noch) beziehungsfähig?
Von Kolja Güldenberg

Das Aufweichen alter Rollenbilder ermöglicht uns in unserer Kultur eine immense individuelle Freiheit und vielfältige Wahlmöglichkeiten, unsere Beziehungen zu gestalten. Aber wie frei sind wir innerlich tatsächlich?
In unserer modernen Welt des Konsums und der permanenten Bedürfnisbefriedigung sollen dauerhafte Bindungen zwar Sicherheit geben, sind aber für viele Menschen zu eng oder zu kompliziert. Dann lieber eigenständig und frei entscheiden können und dafür das Alleinsein in Kauf nehmen.
Oder fehlt uns einfach eine Vision davon, wie wir erfüllende Beziehungen in Liebe und Freiheit gestalten können?
Ich habe 15 Jahre lang meine sexuelle Freiheit genossen und auch oft verteidigt.
Gleichzeitig hatte ich von jeher einen tiefen Wunsch nach Vertiefung, Intimität und Dauer in der Liebe.
Temporäre Begegnungen und kürzere Beziehungen haben mich meistens nur kurzzeitig erfüllt und genährt, hinterher aber auch oft verwirrt und leer zurück gelassen.
Ich wusste zwar, dass mein Freiheitsbedürfnis echt war, hatte aber kein Bild davon, wie ich dem treu sein kann UND dauerhaft Verbundenheit und Nähe erleben kann.
Versuche monogamer Partnerschaften gab es auch. Die haben sich für mich aber meistens sehr eng und kontrolliert angefühlt. Mit jeder Trennung haben sich natürlich auch die Zweifel an meiner Beziehungsfähigkeit gemeldet – ein Teufelskreis.
Seit 5 Jahren lebe ich in einer offenen Ehe und habe zum ersten Mal die Gewissheit, ganz meinem Liebesbild zu folgen. Wir haben 2014 auch offiziell geheiratet und gemeinsam eine kleine Tochter, die ich über alles liebe. Unsere Partnerschaft erfüllt mich mit Zärtlichkeit, nährt mich und lässt uns an Herausforderungen und Auseinandersetzungen gemeinsam wachsen.
Gleichzeitig folgen wir immer wieder unserer erotischen Anziehung zu anderen und bauen auch hier verbindliche und intime Beziehungen auf. Wie kann das gehen?
Für mich ist es gerade die Gewissheit, dass wir uns gegenseitig nicht mehr verlassen, die mir eine tiefe Ruhe gibt und mein Vertrauen stärkt. Hinzu kommen das Wissen und die gelebte Erfahrung, dass der Andere mir nicht alle Bedürfnisse (zum Beispiel nach Nähe, Inspiration, Abwechslung, Sicherheit, Kreativität, Autonomie, etc.) erfüllen kann und muss, die es uns leichter machen, uns von Herzen zu anderen Männern und Frauen gehen zu lassen.
Eine andere Zutat zum Gelingen einer balancierten Beziehung, wie ich sie erleben darf, ist unser gemeinschaftliches Umfeld. Verschiedenste Bezugspersonen, Freunde und geliebte Menschen, die ebenso wie wir an innerer Heilung und Alltagstauglichkeit (mit Kindern) offener Beziehungsformen forschen. Frei nach S. Some: „Es braucht ein ganzes Dorf, um eine gesunde Partnerschaft zu leben“.
Zentral ist für mich dabei die innere Beziehungsarbeit, die wir über die Jahre gemacht haben.

Selbstliebe und Selbstverantwortung
sind für mich keine leeren Begriffe oder Ideale am fernen Horizont mehr. Zunehmend bekommen sie für mich Substanz und werden gelebte Beziehungsrealität.
Immer schneller fällt es mir auf, wenn ich meine Partnerin dafür verantwortlich mache, wenn sich meine Bedürfnisse nicht erfüllen. Als Regisseur nehme ich mein inneres Kind und die vielen anderen inneren Teamplayer an die Hand und sorge für innere Balance. In dem Maß wie ich gelernt habe für mich zu sorgen, und mit der Entscheidung selber nicht mehr zu verlassen, hat sich auch meine Eifersucht auf andere Bezugspersonen meiner Partnerin weitestgehend aufgelöst oder sogar in Anteilnahme und Mitfreude verwandelt.
Voraussetzung dafür sind eine ehrliche, empathische Kommunikation und die Bereitschaft unsere Gefühle zu fühlen – auch Angst, Schmerz, Scham und Wut – und diese in den Kontakt zu bringen: „Ich bin nicht verantwortlich für deine Gefühle, aber ich bin dir ein Gegenüber und bleibe in Verbindung.“ Das schafft Raum und lässt alte Wunden und Verletzungen heilen. Ich kann den anderen sehen und mir gleichzeitig treu bleiben.

Als Mann brauche ich andere Männer
Der Austausch und die Freundschaft mit anderen Männern nährt in mir Seiten, die mir Frauen nicht erfüllen können: Eine tiefe Sehnsucht nach Heimat im gleichgeschlechtlichen, nach liebevoller und herausfordernder „Bruderschaft“, Väterlichkeit und gegenseitiger Solidarität.
Meine Jungen- und Männerarbeit verdeutlichen mir dabei immer wieder die politische Dimension innerer Freiheit. Als Mann brauche ich ein Bild davon, wie ich meine Beziehungen gestalten möchte. Sonst rutsche ich unbewusst sehr leicht in die Rolle des domestizierten Pantoffelhelden und Frauen-Verstehers oder gehe doch wieder in den anti-abhängigen „lonesome Cowboy“. Die Auswirkungen unverbundener Männlichkeit sind überall auf der Welt sichtbar. Für mich ist es von daher essenziell, dass wir Männer wieder beziehungsfähig werden.
Letztendlich erlebe ich die Beziehungsreise als eine wunderbare Reise zu mir selber.
In unseren Ehe-Ringen ist der Satz „In Liebe und Freiheit“ eingraviert. Eine gute Erinnerung, wenn doch mal die (innere) Verbindung verloren geht:)

Kolja Güldenberg, Jg. 1970
Coach, Trainer für gewaltfreie Kommunikation und Seminarleiter
http://www.konfliktspezialisten.de

leitet gemeinsam mit Dolores Richter die Reihe „Liebeskunstwerk“ in der ZEGG-Gemeinschaft Bad Belzig bei Berlin. Offene Module sind:
Selbstliebe und das erotische Selbst
Klarheit in Beziehungen
Liebe, Sex und Wahrheit
Liebe als soziales Kunstwerk
http://www.doloresrichter.com
Zusammen mit Sharan Gärtner bietet er speziell für Männer das offene ZEGG-Männerjahrestraining „Bewusst Mann sein – eine Reise durch die männlichen Archetypen“ an.
http://www.liebe-zum-mannsein.de

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