Was bedeutet Liebe in unserer Zeit?

Gedanken von Dolores in der evolve Januar 2017:
Wenn ich in mir nach „Liebe in unserer Zeit“ lausche, kommt zuerst das Wort „wohlwollende Aufmerksamkeit“ – und zwar nicht nur gegenüber den Teilen in mir, die sich nach Verbundenheit sehnen, sondern auch gegenüber jenen, die ich ausschließen möchte, um mich vermeintlich verbunden fühlen zu können.
Halte ich nicht innerlich Abstand von Menschen, die sich mit einfachen Antworten begnügen? – die Welt ist doch so viel komplexer!
Halte ich auch Abstand zu dem Anteil in mir, der wüten möchte, ausbrechen und unseren etablierten Parteien die Schaffensplattform entziehen will? Der Verstehen und Recherchieren beenden und einfach Abwählen will? Bin ich vertraut mit meiner wütenden Ohnmacht gegenüber dem bestialischen Morden in Syrien, Ukraine, Iran.. und der darunter wirkenden kalt berechnenden Wirtschaftsinteressen, für die Menschenleben nicht zählen? Kann ich dafür in mir Aufmerksamkeit finden, in Beziehung dazu treten?   – oder sind das die „anderen“?
Kann ich den Populisten in mir befragen, was er WIRKLICH will?

Liebe bedeutet auch, da intim mit mir zu sein, wo meine Sehnsucht neue Antworten braucht.
Ich spüre in mir und in unserer Zeit eine Sehnsucht nach Echtheit. Und nach einer neuen Art von Beziehungskultur, die wieder mehr Präsenz und Zugehörigkeit bietet, aber gleichzeitig die innere Autonomie nicht wieder beschneidet. Von da aus ist Liebe die Fähigkeit, Spannung halten zu können zwischen Bezogenheit und Selbstbestimmtheit, zwischen Sehnsucht und Erfüllung. Denn auch da gibt es keine einfachen Antworten. Aber wenn wir die Spannung halten, entsteht in uns – Liebe.

Dolores Richter, evolve, Januar 2017

Die ganze evolve Ausg13:
LIEBE in Zeiten von Trump
Die radikale Kraft der Verbundenheit

Liebe ist die wohl existenziellste Kraft des Lebens. Als persönliches Gefühl verbindet sie uns mit unseren Nächsten. Als universelles Potenzial öffnet sie Herzen. Das Leiden der Menschen in Syrien vor Augen, Europa zwischen Abschottung und innerer Zersplitterung, Amerika im Kampf mit sich selbst und der globalen Politik – vielleicht erwächst aus der Wahrnehmung unserer Verbundenheit eine neue Kraft des Vertrauens, eine Kraft, die sich immer wieder den Herausforderungen stellt.

Mit Richard Rohr, David Whyte, Galsan Tschinag, Ursula King, Van Bo Le-Mentzel, Terri O’Fallon & Kim Barta, Angaangaq Angakkorsuaq, Maik Hosang, Pir Zia Inayat Khan, Elizabeth Debold, Thomas Steininger, Nadja Rosmann, Mike Kauschke, Griet Hellinckx, Karen O’Brien, Katharina Ceming, Hannah Lisa Linsmaier, Martin Bruders & Axel Perinchery, Lucia Heisterkamp, Annie Levin, Janos Darvas, Rüdiger Sünner, Laura Didyk, Sylvia Wetzel, Dolores Richter, Anselm Grün, Cordula Frei, Hildegard Schmittfull

http://www.evolve-magazin.de/aktuelle-ausgabe13/