Freie Liebe oder doch lieber Heiraten?
Dolores Richter, Februar 2026
Ich bin Jahrgang 1959. Die Generation meiner Eltern war noch streng monogam. Anziehungen zu anderen als den Ehepartnern war ausgeschlossen. Ein ans Licht gekommener Seitensprung führte zur schuldhaften Trennung. Treue hieß Ausschließlichkeit. Viele Ehen waren von Enge, Verstellung und Durchhalten geprägt.
Befreiungsbewegung und Freie Liebe
Die 68iger Generation hat die Befreiungsbewegung aus der Enge der Monogamie „freie Liebe“ genannt. Frei vom moralischen Korsett, frei von Besitzvorstellungen und patriarchaler Dominanz.
Das war eine wichtige Zeit, die viele verkrustete Normen aufgebrochen hat.
Es hat sich viel bewegt in den letzten 40 Jahren. So viel mehr ist denkbar und auch lebbar geworden, mindestens in manchen Ländern dieser Welt. Der Begriff Polyamorie taucht in Zeitschriften, Krimis und Kirchentagen auf, teils verschämt, teils abwertend, oft aber auch interessiert und offen. Was in den 60igern erstmal aufgebrochen werden musste, wird nach und nach feiner und umfassender.
Die Suche in freieren Liebesformen ist der Frage gewidmet, wie wir als Menschen unsere Liebe, unsere Sexualität und unsere Beziehungen lebendig und ehrlich gestalten können. Wie wir Anziehungen ausdrücken oder auf eine Weise ins Leben bringen können, die alle Beteiligten einbezieht. Die Bedürfnisse sind je nach Lebensform, Persönlichkeit und Lebensphase verschieden. Manche Singles wollen keine feste Beziehung, aber sexuell befreundet oder genährt sein, Lebenspartner.innen wollen Klarheit und Tiefe mit einer Person, oder wollen Beziehung offen leben, andere wollen sich sexuell verströmen, ohne sich zu binden, wieder andere schauen phasenweise neu, was gerade für sie dran ist. Uvm.
Ein Neugestaltungsprozess
Gleichzeitig erfahren wir, dass freie Liebe, offene Beziehungen oder Polyamorie nicht vom Himmel fallen. Sie gar mit einem inneren romantischen Liebesbild zu leben ist meist schmerzhaft. Es braucht einen Neugestaltungsprozess, sowohl im Bereich unseres Liebesbildes, als auch unserer Annahmen, Werte und Verhaltensweisen. Erst darin können wir neue Antworten finden auf unseren Umgang mit Eifersucht, Verlustangst, Konkurrenz und Vergleich.
Viele versuchen es ein paar Jahre und kehren wieder zum Gewohnten zurück. Einige öffnen unvorbereitet ihre Beziehung und lassen den lange angesammelten Sehnsüchten freien Lauf. Dann haben sie lange damit zu tun, aufzuräumen, was sie in sich und anderen übergangen haben. – Dennoch kann es ein Gewinn sein, aufgebrochen zu sein.
Wir können Schmerzen nicht vermeiden.
So oder so machen wir Fehler.
Wir projizieren wie die Weltmeister und wissen nicht, was real abgeht.
Wir haben Bilder und Abwertungen über das eigene oder andere Geschlechter.
Wir haben Bilder und Abwertungen über unsere Sehnsüchte und unser Begehren.
Wir verhalten uns nach Normen, mehr als nach unserer Wahrheit.
Wir kennen unsere Wahrheit nicht, weil es dafür ein wahrheitsfähiges Umfeld braucht.
Wir übersehen sowohl Wünsche als auch Grenzen in uns oder anderen.
Wir sind nicht im Kontakt mit uns oder dem Gegenüber oder beides.
Liebesforschung als Lernräume
Wir brauchen Räume, in denen wir lernen, das zu bemerken und wahrzunehmen.
Wir brauchen Räume, wo wir uns genau darin sehen lassen und darin nicht abgewertet werden.
Es braucht Räume, in denen wir lernen, zu spüren und zu verstehen, was in uns geschieht.
Lernen, mit uns in Kontakt zu sein und unsere und die Wahrheit anderer zuzulassen.
Wo wir unterscheiden können, was wir in uns verändern können, und wo wir Kultur verändern müssen, damit Veränderung möglich wird.
Solche Räume aufzubauen bedeutet für mich „Liebesforschung“ – Liebesforschung mit der Ausrichtung, eine kooperative Liebeskultur zu entwickeln für eine freie, ehrliche und bezogene Liebe.
Ein wunderbares Ziel, das langen Atem, Einsatz, Neugier und mit dem Studium des Lebens einhergeht. Liebe, die lieben darf, wo sie liebt,
die Begehren als Lebenskraft würdigt,
und die soziale Kontexte schafft, in denen Liebende umeinander wissen und sich gegenseitig unterstützen.
Eine Auseinandersetzung mit uns selbst und Paradigmenwandel
Da unsere Gesellschaft uns sehr anders geprägt hat, ist es gleichzeitig eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit uns selbst. Ein Kennenlernen, wer wir noch sind. Es tauchen Ängste und Freuden auf, die vorher weggepackt waren.
Wir wirken dabei Schritt für Schritt an einem Paradigmenwandel, der von Anpassung in Richtung Ehrlichkeit, von Dominanz Richtung Ebenbürtigkeit, von Kampf in Richtung Kooperation, von Kontrolle in Vertrauensfähigkeit führen möchte.
Wir brauchen diesen Wandel, damit wir unseren Liebsten vertrauen können, auch wenn sie uns nicht als einzigen Mittelpunkt in ihrem Leben deklarieren. Wenn die Sicherheit, die wir in der Bindung suchen, neue oder zusätzliche Quellen braucht.
Wir lernen, unsere eigenen Liebesquellen zu pflegen und eine neue Art von Treue zu entwickeln. Es ist die Treue zu dem, was ich liebe, zu dem, was sich in unserer/m Liebsten entfalten möchte. Es ist eine Treue zur Liebe, die ich nicht wegwerfe, auch wenn ich mich vielleicht trennen muss.
Wir versprechen uns, auf solidarische Weise auseinanderzugehen, wenn es sich zeigt, dass unsere Wege auseinandergehen.
Wir geben nicht jedem Gefühlsdrama freien Ausdruck, genauso wenig braucht jede Anziehung eine Umsetzung. Unsere Ausrichtung ist, das Gelingen von Liebe zu nähren, auch über unsere persönliche Liebe hinaus. Diese führt mich anders, als wenn es mir um meine Sicherheit, Bindung oder Genuss geht – so berechtigt diese Wünsche sind.
Die Entscheidung zu bleiben
Vielleicht haben wir in der gewonnenen Freiheit von heute wieder das Bleiben zu lernen?
Zu heiraten war in freien Kreisen lange verpönt, weil es als Institution oft ein Instrument von Kontrolle und Einengung genutzt wurde und wird. Die Ehe im Sinn einer verbindlichen Lebenspartnerschaft erfüllt aber auch eine tiefe Sehnsucht. Und sie kann bewusst und frei gelebt werden. Die Frage ist nicht: „freie Liebe oder Heiraten“ – denn Heiraten kann ein Teilaspekt von freier Liebe sein. Denn freie Liebe meint eine Kultur, die als Kultur freier wird von Misstrauen, Angst, Verstellung und Lüge (in der Gründergeneration des ZEGG meinten wir mit „freier Liebe“ einen umfassenden individuellen und kulturellen Gestaltungsprozess.). Erst in einer solchen Kultur kann ich tiefer erspüren, welche Liebesform in dieser Phase des Lebens stimmig ist – und das kann natürlich auch Monogamie sein.
Ich habe es selbst so erlebt, dass die Liebe, die bleibt, dann wach wurde, als wir durch das Nadelöhr der Entscheidung füreinander gegangen waren. Nicht mehr Bedingungen stellten, wie der andere zu sein hat. Sondern uns, nach all den Jahren Vorspiel, in unserem Wesen zu akzeptieren ohne Wenn und Aber. Kein Messen mehr am rosaroten Traumprinz oder Prinzessin.
Diese Art von Entscheidung kostet. Ich verzichte auf meine Ansprüche und vor mir hergetragenen Gewissheiten. Ich lege sie als Bedürfnisse und Wünsche freilassend auf den gemeinsamen Tisch. Dabei gewinne ich Weitung: Ich lasse mich ein auf die Welt eines anderen Menschen und lasse mich von ihr verändern. Es gibt keine tiefgreifendere Transformation als diese. Unsere Liebe wandelt sich vom Geliebtwerden wollen in aktive Liebe.
Freiheit ist nicht mehr frei von etwas, sondern mein Ja zur Bindung.
Das, was in dieser Entscheidung in mir schmilzt, bringt mein Lieben hervor.
Bin ich beziehungsfähig?
Daher ist für mich nicht die erste Frage: welche Liebesform passt zu mir?
Sondern: wie beziehungsfähig bin ich?
Wenn ich nicht beziehungsfähig bin, wähle ich unbewusst eine Liebesform, in der ich das nicht zu sein brauche. Ich sage dann vielleicht: ich bin polyamor, und mir geht es gut damit. Insgeheim bin ich aber auf der Flucht vor mir selbst und vor der Nähe mit einer anderen Person, durch die vielleicht schmerzliche Gefühle in mir wachwerden könnten. – Wir alle oder fast alle haben irgendwann schmerzliche Beziehungen oder Trennung erlebt. Unser Herz hat sich verschlossen, um einen solchen Schmerz nicht mehr zu erleben.
Andere vermeiden den Schmerz, „zuviel“ geliebt zu werden – weil sie eine übergriffige, einnehmende Liebe erfahren haben, die sie nicht wahrgenommen hat.
Erst wenn wir uns diesem Schmerz stellen und uns eine Situation erschaffen, in der dies in Bezogenheit heilen kann, können wir auf einer gesunden Basis wählen.
Falls ich das in Partnerschaft erfahren darf, also erfahre, dass eine Person mit mir bleibt, wenn ich durch diese Tore gehe, erschließt sich manchmal eine Basis füreinander, wo die Anziehung zu Dritten gar nicht aufkommt.
Ob dies eine Phase ist oder mehr, zeigt das Leben. Manchmal genießen wir lange Jahre die Konzentration auf einen Menschen, und dann taucht die Frage wieder auf, ob eine Beziehungsöffnung bereichernd sein könnte. Und an dieser Stelle wird sie von einer klaren Basis getragen sein.
Beziehungs- und Schwingungsfähigkeit
Mit verschlossenem Herzen können wir Liebesbeziehungen leben, aber ein Teil von uns ist nicht anwesend. Es bleibt etwas taub. Wir sind nicht „schwingungsfähig“. Unser Gegenüber kann uns nicht spüren, und die Liebe kommt nicht an.
Wenn wir unsere alten Wunden mehr in unseren wärmenden Kontakt nehmen konnten, wird unser Herzrand weicher, wir sind erreichbar, es bewegt sich etwas in mir, wenn wir zusammen sind. Ich kann Resonanz geben, dich „beantworten“. Du spürst, dass ich dich spüre.
Die Schwingung – oder wie man es nennen mag – kommt in unserem Nervensystem an viel elementarerer Stelle an, als Worte es vermögen.
Gefäße schaffen als Kulturferment
Solche Gefäße sind Gruppen, Netzwerke, Gemeinschaften, in denen wir Werte und Verhaltensweisen entwickeln, die der Liebe dienen. Wir entwickeln Nähe und „Umeinanderwissen“ in einer verbindlichen Gruppe, in der Liebesbeziehung Einbettung findet. Wir fühlen uns getragen in einer umfassenden Intimität, menschlich wie spirituell. Auch wenn es nicht nur schön ist, was wir voneinander erfahren oder miteinander erleben: es verbindet auf einer tiefen menschlichen Ebene und weitet unser Welt- und Selbstbild. In dieser Weite lernen wir, das Verhalten der anderen nicht nur direkt auf uns selbst zu beziehen, sondern den Menschen, sein Gewordensein und die Prägung darin zu sehen. Dadurch können wir tiefer verstehen, was in unseren Beziehungen wirkt und wie wir es differenzieren und uns unterstützen können.
Durch Einbettung liegt viel weniger Erwartungsdruck auf dem einen Partner, der einen Partnerin. Das entspannt die Beziehung und bietet mehr Perspektiven auf eine Situation von Misstrauen oder Angst. Wir können uns an Stellen unterstützen, wo wir uns sonst alleine fühlen, und das ist meist der wichtigste Schritt der Heilung.
Die Liebe ist ein soziales Kunstwerk
Jahresgruppe Liebeskunstwerk
Dolores Richter & Michael Anderau
3 Module á 4 Tage, Start 15.4.26
liebeskunstwerk.org